Friday, 10 September 2010

Ingrid Newkirk zum prinzipientreuen Veganismus: ''Scheiß aufs Prinzip''

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen,

in einem Artikel des Time Magazine erörtert PETA-Mitgründerin Ingrid Newkirk ''Flexitarismus'' oder ''Teilzeit-Vegetarismus'':
Das Ziel ist für viele Aktivisten einfach, mehr Menschen dazu zu bewegen, weniger Fleisch zu essen. ''Absolute Puristen sollten in einer Höhle leben'', sagt Ingrid Newkirk, Präsident von People for the Ethical Treatment of Animals (PETA). ''Niemand, der Zeuge des Leidens von Tieren wird und den Schimmer einer Hoffnung hat, dieses Leiden zu vermindern, kann eine Position des Alles oder Nichts vertreten. Wir müssen pragmatisch sein. Scheiß aufs Prinzip''
Wir können mehrere Beobachtungen über Newkirks Feststellungen machen:

Erstens wiederholt sie das Mantra der Bewegung des Neuen Tierschutzes, dass Tierschutzreformen tatsächlich das Leiden von Tieren vermindern. Die Reformen, die von PETA und den anderen Gruppen des Neuen Tierschutzes vorangetrieben werden, bieten Tieren zumeist keinen bedeutsamen Nutzen. Sie stellen lediglich eine andere Form der Tierquälerei dar. Jemanden einem Waterboarding [Wasserfolter: simuliertes Ertränken] auf einem blanken Brett zu unterziehen und es auf einem gepolsterten Brett zu tun ist in jedem Fall immer noch Waterboarding.

Darüber hinaus würde die Tierindustrie diese Reformen letztlich größtenteils ohnehin einführen, weil sie die Produktionseffizienz im Allgemeinen erhöhen. Kälbern etwas mehr Platz zu geben oder Alternativen zum Kastenstand zu verwenden resultiert in höherer Produktivität der Tiere, gesenkten Tierarztkosten und einem besseren Saldo für Produzenten. PETA eerkennt ausdrücklich an, dass das Vergasen von Hühnern eine wirtschaftlich effiziente Sache ist. Die symbiotiche Beziehung zwischen großen Tierschutzorganisationen und institutionellen Tierausbeutern ist offenkundig, wenn wir sehen, wie beide Seiten in ein Drama verwickelt sind, in dem Anwälte der Tiere eine wirtschaftlich angreifbare Praktik ins Visier nehmen; die Tierindustrie inszeniert einen Scheinkampf; die Reform oder irgendeine Modifizierung der Reform wird schließlich angenommen, weil sie der Tierindustrie nicht schadet und gewöhnlich hilft; die Tierschützer erklären den Sieg; die institutionellen Tierausbeuter sonnen sich im Lob, das sie von Anwälten der Tiere bekommen. Nur die Tiere sind die Verlierer.

Zweitens ignoriert Newkirk bequemerweise, dass das unerbittliche Betreiben dieser Tierschutzreformen durch PETA und andere Gruppen des Neuen Tierschutzes und die Behauptungen, diese Reformen machten Tierausbeutung ''humaner'', die Öffentlichkeit sich beim Konsum von Tieren wohler fühlen lassen, und dass infolgedessen der Konsum zunimmt. Interessanterweise ist zu bemerken, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Tierprodukten ansteigt und nicht sinkt. Wenn Gruppen wie PETA Schlachthauskonstrukteurin Temple Grandin einen Preis verleihen oder die Verhökerer von Tierfleisch/-produkten preisen oder den Boykott von KFC [Kentucky Fried Chicken] in Kanada abblasen, weil KFC zugestimmt hat, das Einkaufen von vergasten Hühnern von Produzenten stufenweise einzuführen, was sagt das der Öffentlichkeit? Es ist nichts anderes als ein großer Stempel der Gutheißung im Namen der ''Tierrechte''.

PETA hat es Menschen, die bei KFC Kanada oder McDonald's essen oder ''Bio-Fleisch'' oder andere ''Bio''-Tierprodukte bei Whole Foods einkaufen, ermöglicht, sich zu ''Anwälten der Tiere'' auszurufen.

Es sollte zunehmend klar sein, dass die ''Bio-Fleisch''-Bewegung ein gigantischer Schritt rückwärts ist.

Drittens versteht Newkirk den wichtigsten Punkt in der Debatte, ob eine klare vegane moralische Grundlinie oder Tierschutzreformen zu verfolgen sind, nicht.

Es ist ein Nullsummenspiel. Das heißt wir leben in einer Welt begrenzter Ressourcen. Jeder Cent des Geldes, jede Sekunde der Zeit, die wir auf Tierschutzreformen verwenden, ist weniger Geld, Zeit und Arbeit, die wir auf klares, unzweideutiges Verfechten des Veganismus verwenden. Würden die großen Tierschutzkörperschaften alle ihre Ressourcen auf die Befürwortung des Veganismus verwenden, könnten sie Leiden und Tod durch die Verringerung der Nachfrage [nach Tierprodukten] vermindern und helfen, das Paradigma von der Vorstellung, dass Tiere Dinge sind, die wir nutzen können, solange wir sie ''human'' behandeln, weg und hin zu der Idee zu verschieben, dass Tiere Wesen mit moralischem Eigenwert sind, die wir überhaupt nicht nutzen sollten.

Überlegen Sie das folgende Beispiel: Sie haben heute eine Stunde für das Eintreten für Tiere zur Verfügung. Sollten Sie diese Stunde damit verbringen, Menschen zum Essen von käfig-freien Eiern [Eiern aus Bodenhaltung] anzuleiten, oder dazu, überhaupt keine Eier (oder andere Tierprodukte) zu essen? Sie können nicht beides tun, und in dem Maß, in dem Sie den Leuten erzählen – wie es jene Organisationen tun –, dass sie ihre moralischen Verpflichtungen Tieren gegenüber durch das Essen käfig-freier Eier oder anderer ''Bio''-Tierprodukte erfüllen können, garantieren Sie praktisch, dass das Beste, was passieren wird, ist, dass Menschen eine andere Form der Tierquälerei anstatt überhaupt keine Tierquälerei wählen.

Die Wahl ist nicht, wie Newkirk suggeriert, die Verminderung von Leiden oder das Fördern von Vegansmus. Vielmehr ist es einzig das Vorantreiben des Veganismus – durch das Arbeiten an der Nachfrageseite der Gleichung anstatt an der Angebotsseite (das Konzentrieren auf Tierschutzreformen) –, das Leiden vermindert – und Tod.

Ein damit verbundener Punkt ist, dass nicht nur das Leiden von Belang ist, wie Newkirk suggeriert; das Töten ist ebenso von Belang. Offenbar folgt Newkirk der Anschauung Peter Singers, dass Tiere in den meisten Fällen kein Interesse am Weiterleben haben, sondern nur ein Interesse daran, nicht zu leiden. Ich lehne diese Ansicht als faktisch unzutreffend ab.

Zu leugnen, dass jedes empfindungsfähige Wesen ein Interesse am Weiterleben hat, ist absurd. Alle empfindungsfähigen Wesen wollen am Leben bleiben, begehren oder ziehen es vor. Die Tierschutzposition, die Newkirk und Singer vertreten, ist, dass ein Tierleben an sich keinen moralischen Wert hat. Vielleicht ist dies der Grund, warum PETA die meisten der Tiere, die der Verein in seiner Norfolker Einrichtung aufnimmt, tötet. In jedem Fall lehne ich diese Ansicht als speziesistisch ab.

Solange die Streitfrage ist, wie wir Tiere behandeln, solange wir denken, dass es gerechtfertigt ist, sie auszubeuten, wenn wir sie ''human'' behandeln, und nicht, dass wir Tierausbeutung nicht rechtfertigen können, wie auch immer ''human'' sie erfolgt, wird das moralische Leitbild sich nicht wandeln.

Viertens: Ich verstehe, warum Unternehmen in Sachen Tiere wie PETA für ''flexitarische'' Prinzipien werben und Veganismus feindlich gegenüberstehen. Sie wollen so viele Spender wie möglich. Laut einem Manager des Vereins ist die Hälfte von PETAs Mitgliedern nicht einmal Vegetarier. Wenn Sie wollen, dass diese Leute Beiträge leisten und Sie in ihrem Testament berücksichtigen, müssen Sie ihnen ein gutes Gefühl ob ihrer fortgesetzten Ausbeutung von Tieren vermitteln. Wenn Sie mit Hollywood-Prominenten oder anderen berühmten Leuten, die Tiere konsumieren, auf Du und Du stehen wollen, können Sie keine eindeutige vegane Politik betreiben. Also haben Sie stattdessen eine Position, die jeden einschließt, die aber, gerade weil sie kein Verhalten als moralisch unannehmbar verwirft, bedeutungslos ist.

Die moralische Schizophrenie ist erstaunlich. PETA verdammt routinemäßig institutionelle Tierausbeuter, erkennt dann aber nicht an, dass die Konsumenten, die Tierprodukte verlangen – einschließlich jener PETA-Mitglieder, die nicht vegan sind –, die Tierausbeuter sind, welche die Nachfrage überhaupt erst schaffen.

Mit einem Wort, es ist traurig, dass die größten Opponenten des Veganismus als moralischer Grundlinie sogenannte Anwälte der Tiere wie Newkirk und Singer (1, 2 ) sind. Es ist erschütternd, wenn Newkirks Antwort auf prinzipentreuen Veganismus ist: ''Scheiß aufs Prinzip'', oder dass jene, die für prinzipientreuen Veganismus plädieren, ''in einer Höhle leben (sollten)'.'

Es ist ein Grund zur Beunruhigung, wenn jene, die am lautesten schreien, dass Veganismus schwierig oder abschreckend ist, sogenannte Anwälte der Tiere sind.

Bitte fassen Sie dies nicht als ein Infragestellen der Lauterkeit Newkirks auf. Nur glaube ich aufrichtig, dass sie sehr, sehr im Unrecht ist.

Wenn Sie nicht vegan leben, erwägen Sie bitte, es zu tun. Schenken Sie der irrigen Zweiteilung von Fleisch und anderen Tierprodukten keinen Glauben. Es gibt keinen moralisch schlüssigen Unterschied zwischen Fleisch und anderen Tierprodukten. Tiere, die für Milchproduktion verwendet werden, leben generell länger als die für Fleisch gezüchteten, werden aber ebenso schlecht, wenn nicht schlechter behandelt, und enden ihr Leben in demselben grässlichen Schlachthaus.

Vegan zu leben ist eicht (entgegen dem, was einige große Tierschutzorganisationen behaupten); es ist besser für Ihre Gesundheit; es ist besser für den Planeten; und, was das das Wichtigste ist, es ist das moralisch Richtige. Veganismus ist keine Sache von Mitgefühl oder Gnade; er ist eine Sache grundlegender Gerechtigkeit.

Veganismus ist das Mindeste, was wir nichtmenschlichen empfindungsfähigen Wesen schulden.

Gary L. Francione
© 2010 Gary L. Francione

2 comments:

Detlef Arndt said...

Dass was Gary L. Francione schreibt, gefällt mir sehr gut. Da muss ich wohl noch mal öfters auf diesen Blog schauen. Im Gegesatz zu Petaaktivisten scheint er ein richtiger, antispeziesistischer Tierrechtler zu sein. Es wäre schön, wenn es Bücher von Gary L. Francione auch mal in deutsch geben würde.

Gruß vom Anti-Jagd Blog: D.Arndt
http://anti-jagd.blog.de

Achim Stößer said...

Siehe auch Peta, eine Organisation gegen Tierrechte und Peta.