Friday, 20 March 2009

''Einstiegsargumente''

von Gary L. Francione Blog

Liebe Kolleginnen,

Es ist Frühjahrspause an der Uni, deshalb nutze ich die zusätzliche Zeit dazu, Blogs zu schreiben!

Ich möchte drei verwandte Argumente ansprechen, auf die üblicherweise als ''Einstiegsargumente'' Bezug genommen wird: (1) dass wir eine Form des Vegetarismus fördern sollten, die das Essen von Eiern, Milch oder sogar Fisch als Einstieg in den Veganismus erlaubt; (2) dass wir ''Bio-Fleisch'', wie etwa Huhn von KFC [Kentucky Fried Chicken], das vergast anstatt durch Strom getötet wurde, Bio-Eier'', ''Bio-Milch'' etc. als Einstieg in den Lacto-Ovo-Pesco-Vegetarismus und dann in den Veganismus propagieren sollten; (3) dass wir Tierschutzreformen als Einstieg in die Abschaffung der Tierausbeutung unterstützen sollten.

Ich verwerfe diese Einstiegsargumente sowohl aus theoretischen als aus praktischen Gründen.

Theoretisch gesehen: Selbst wenn Vegetarismus ein Einstieg in den Veganismus oder ''Bio-Fleisch'' ein Einstieg in den Vegetarismus oder Tierschutzreformen ein Einstieg in die soziale Akzeptanz der Abschaffung der Tierausbeutung wäre, sollten wir etwas, das moralisch falsch ist, fördern, um zu etwas moralisch Richtigem zu gelangen? Es ist natürlich besser, wenn ein Vergewaltiger das Vergewaltigungsopfer nicht zusätzlich prügelt. Aber bedeutet das, dass wir eine Kampagne zugunsten ''humaner'' Vergewaltigung als Einstieg ins Nicht-Vergewaltigen betreiben sollten? Einige Formen von Rassismus sind schlimmer als andere, aber würde jemand ernstlich vorschlagen, dass wir eine Kampagne zugunsten vermeintlich ''besserer'' Formen von Rassismus betreiben sollten? Es ist besser, wenn eine Person weniger schwer, als wenn sie schwerer gefoltert wird, aber würden wir für ''humane'' Folter kämpfen?

Natürlich nicht. Wo es um Menschen betreffende Fragen geht, sehen die meisten von uns das Problem, und wenige, wenn überhaupt jemand von uns würde für ''humane'' Vergewaltigung, ''humanen'' Rassismus oder ''humane'' Folter eintreten.

Aber wenn es um Tiere geht, sind viele von uns bereit, Fahnenflucht zu begehen und Dinge zu fördern, von denen wir zugeben, dass sie die fundamentalen Rechte von Tieren verletzen. Es gibt keinen moralisch relevanten Unterschied zwischen Fleisch und Fisch oder zwischen Fleisch und Milch. In einem Glas Milch steckt genauso viel (wenn nicht mehr) Leiden wie in einem Pfund Steak, und einem Fisch ist sein Leben genauso viel wert wie einer Kuh das ihre. ''Bio''-Tierprodukte gehen mit keinem größeren Schutz tierlicher Interessen einher und ''Bio''-Tiere werden immer noch in einer Weise behandelt, die das einschließt, was als Folter betrachtet würde, wären Menschen betroffen. Tierschutzreformen sind eine direkte Entsprechung zu ''humaner'' Vergewaltigung und ''humanem'' Rassismus.

Deshalb eignet diesen Einstiegsargumenten die beunruhigende Eigenschaft, Verhalten oder Praktiken zu fördern, die offen die Grundrechte von Tieren verletzen, wo wir dies niemals im Zusammenhang mit Menschen tun würden. Der Einstiegsansatz ist auf den ersten Blick speziesistisch.

Praktisch gesehen haben Einstiegsargumente eine empirische oder sachliche Prämisse gemeinsam: dass Lacto-Ovo-Pesco-Vegetarismus zu Veganismus führt; dass ''Bio-Fleisch'' zu Vegetarismus und Veganismus führt; dass Tierschutzreformen ein für die Abschaffung der Tierausbeutung günstigeres soziales und politisches Klima schaffen. Wenn diese Argumentationsweise funktionieren soll, muss es eine klare ursächliche Verbindung zwischen der Einstiegskomponente (Vegetarismus, ''Bio-Fleisch'', Tierschutzreformen) und dem angestrebten Ziel (Vegetarismus, Veganismus, Abschaffung der Tierausbeutung) geben.

Das Problem besteht darin, dass es nichts gibt, was diese Annahme eines kausalen Zusammenhangs stützt. Obwohl es sicherlich Vegetarier gibt, die Veganer geworden sind, gibt es sicherlich auch viele Vegetarier, die niemals Veganer werden. Die Behauptung, dass ''Bio-Fleisch'' und andere ''Bio''-Tierprodukte zu Vegetarismus führen, der zu Veganismus führt, ermangelt nicht nur des Beweises; vielmehr weist alles in die Gegenrichtung. Das heißt, die ''Bio-Fleisch''-Bewegung bewegt uns tatsächlich rückwärts, insofern mehr und mehr Menschen – einschließlich jener, die einmal Vegetarier oder sogar Veganer waren – sich beim Konsum von Tierprodukten wieder wohl fühlen. Wenn People for the Ethical Treatment of Animals einen Preis an Whole Foods als tierfreundlichstem Einzelhändler verleiht mit der Behauptung, ''Whole Foods [habe] mit der Forderung, dass Produzenten strikte Standards befolgen, beständig mehr für den Tierschutz getan, als jeder andere Einzelhändler in der Industrie '', so sendet dies schließlich eine sehr klare Botschaft: dass das Essen der Leichen(teile) und anderen Tierprodukte, die bei Whole Foods verkauft werden, eine moralisch akzeptable, wenn schon keine moralisch ideale Sache ist.

Die Behauptung, dass Tierschutzreformen ein Einsteg sind, der zur sozialen Akzeptanz und zum Erreichen der Abschaffung der Tierausbeutung führt, wird gleichfalls nicht nur faktisch durch nichts gestützt, sie ist eindeutig falsch. Der Tierschutzansatz ist das beherrschende Modell seit nunmehr 200 Jahren und wir nutzen mehr Tiere auf grauenvollere Art und Weise als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Es gibt keinen historischen Anhaltspunkt dafür, dass die Regulierung der Tiernutzung ein Einstieg in ihre Abschaffung ist oder zu ihr in irgendeiner Weise hinführt; es gibt keinen historischen Anhaltspunkt dafür, dass Tierschutzreformen zu etwas anderem führen als zu mehr Tierausbeutung.

Wir können Tierausbeutung als eine Angelegenheit grundlegender Moralität nicht rechtfertigen. Einstiegsargumente sind unvereinbar mit dem fundamentalen Recht von Tieren, nicht als menschliche Ressourcen genutzt zu werden, und beruhen auf faktischen Prämissen, die nicht nur durch nichts gestützt werden, sondern nachweislich falsch sind.

Gary L. Francione
©2009 Gary L. Francione

Wednesday, 18 March 2009

''Tier-Recht'': Haken und Stachelstöcke ''humaner'' machen

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen,

Ich erhalte oft Anfragen von Studierenden im Grundstudium, die mir erzählen, dass sie die juristische Fakultät besuchen wollen, um ''Tier-Recht'' zu studieren, und mich um Rat fragen, wie sie ''Tierrechtsjuristen'' werden können. Ich antworte, dass das, was im Allgemeinen mit ''Tierrecht'' gemeint ist – Fälle tierärztlicher Kunstfehler, des Sorgerechts und der Einrichtung von Treuhandfonds für ''Heimtiere'' sowie Fälle von Tierquälerei – Tiere in keiner Weise von ihrem Status als Eigentum wegbewegt. Aus den in unserem Video zum Tier im Recht dargelegten Gründen verwurzelt es sie vielmehr noch tiefer im Eigentumsparadigma. Ich sage jenen Studierenden, dass sie, wenn sie etwas Nützliches tun wollen, (1) vegan leben, (2) andere über Veganismus aufklären und (3) als Juristen kostenlos für Anwälte der Tiere arbeiten sollen, die Veganismus fördern und Rechtsschutz benötigen, was oft der Fall ist. Ich selbst habe viele solche Aktivisten über die Jahre vertreten.

Die Probleme werden verdeutlicht durch die anhängige Klage einer Gruppe von Tierschutzorganisationen und eines früheren Elefantentrainers gegen den Ringling-Brothers-und-Barnum-und-Bailey-Zirkus. Die Streitfrage ist, ob der Gebrauch von Haken und Stöcken mit Metallspitzen, um Elefanten unter Kontrolle zu halten, das Abkommen zum Schutz gefährdeter Arten verletzt.

In einem Artikel (''Tierrechte, Zirkusanwälte uneins über Elefanten'') heißt es zum Klageverfahren:
Vom Richter befragt, räumte Meyer [die Prozessbevollmächtigte der Kläger] ein, dass nicht jeder Gebrauch von Ketten und Stachelstöcken das Gesetz verletzt. Sie sagte, sie hoffe, [der Richter] werde anordnen, dass der Zirkus eine Genehmigung für den Gebrauch der Geräte vom U.S. Fish-and-Wildlife-Service einholt. Aber sie konnte nicht genau angeben, welche Behandlung erlaubt sein sollte oder auch nur wie lange Elefanten rechtlich zulässigerweise angekettet gehalten werden dürfen.
Ich kenne Kathleen Meyer, die die Kläger juristisch vertritt. Sie ist eine gute Anwältin. Allerdings ist es traurig, dass die ''Tierrechtsposition'' darin besteht, dass wir den Gebrauch von Haken und Stachelstöcken regulieren müssen und verlangen, dass Zirkusse Genehmigungen einholen. Die Vorstellung, dass die ''Tierrechtsposition'' die Frage betrifft, wie lange Elefanten angekettet gehalten werden dürfen, ist auf mehreren Ebenen beunruhigend.

Wie viele Dollar, gespendet, um Tieren zu helfen, werden für solche Bemühungen verwendet? Wichtiger noch, warum denkt irgendjemand, dass diese Art von Verfahren irgendetwas dazu leistet, in Richtung Abschaffung der Tierausbeutung oder auch nur der Gewährung eines erhöhten Schutzes für Tiere zu führen? Vielleicht sollten wir überlegen, ob das Geld nicht besser darauf verwendet würde, die Menschen darüber aufzuklären, warum sie keine Zirkusse besuchen sollten, die irgendein Tier verwenden. Es ist ein Nullsummenspiel: Jeder Dollar, den wir für die Regulierung des Gebrauchs von Haken und Stachelstöcken ausgeben, ist ein Dollar weniger, den wir dafür ausgeben, die Nachfrage nach solchen Schauspielen durch kreative, gewaltlose, abolitionistische Aufklärung zu vermindern.

Aber die Streifrage führt immer wieder zum Veganismus zurück. Solange wir jedes Jahr 56 Milliarden Tiere für Nahrungszwecke (aquatische Tiere nicht mitgerechnet) mit der einzigen Rechtfertigung töten, dass wir den Geschmack von Tierprodukten genießen, ist es unwahrscheinlich, dass wir ein Bewusstsein entwickeln, das irgendwo anders hin als zu vermeintlich ''humanerer'' Ausbeutung führt. Das Regulieren des Gebrauchs von Ketten und Haken wird Tieren nicht viel, wenn überhaupt einen Nutzen bringen; allerdings wird es uns ein besseres Gefühl dabei geben, sie auszubeuten.

Gary L. Francione
© 2009 Gary L. Francione

Monday, 16 March 2009

Peter Singer und die Tierrschutzposition zum geringeren Wert nichtmenschlichen Lebens

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen,

einige Anwälte der Tiere behaupten, es gebe keinen wirklichen Unterschied zwischen dem abolitionistischen Ansatz und dem Tierschutzansatz von Peter Singer.

Ich habe Singers Ansicht in früheren Essays auf dieser Website (siehe z. B.1, 2) und in meinen Büchern und Artikeln in dem Bemühen besprochen, das zu illustrieren, was ich als die wesentlichen theoretischen und praktischen Unterschiede in unseren Ansätzen erachte. Ein weiteres Beispiel zeigt sich in einem kürzlichen Interview mit Singer. Dort sagt er:
Sie könnten sagen, es sei falsch, ein Wesen zu töten, wann immer dieses Wesen empfindungsfähig oder bewusst ist. Dann müssten Sie sagen, ein Huhn oder eine Maus zu töten sei ebenso falsch, wie Sie oder mich zu töten. Ich kann diese Vorstellung nicht akzeptieren. Es mag ebenso falsch sein, aber Millionen von Hühnern werden jeden Tag getötet. Ich kann daran nicht als an eine Tragödie desselben Maßstabs wie an das Umbringen von Millionen von Menschen denken. Was ist anders an Menschen? Menschen sind vorausschauende Wesen und sie haben Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft. Dies scheint eine plausible Antwort auf die Frage zu sein, warum es so tragisch ist, wenn Menschen sterben.
Singer formuliert ganz deutlich die Vorstellung des Tierschutzes, dass das Leben von Tieren von geringerem moralischem Wert ist als das von Menschen.

Singers Bemerkungen sind aus mehreren Gründen problematisch. Zunächst unterstellt er, dass Hühner und andere empfindungsfähige Tiere keine vorausschauenden Wesen sind. Ich habe wenig persönliche Erfahrung mit Hühnern, aber ich weiß genug von ihnen, um zu schlussfolgern, dass ihr Verhalten nicht erklärt werden kann, ohne ihnen eine Art von Kognition zuzuschreiben, die dem gleichwertig ist, was wir bei Menschen als vorausschauend bezeichnen. Hühner haben eindeutig Interessen, Vorlieben und Wünsche, und sie vermögen zu handeln, um ihre Vorlieben und Wünsche zu befriedigen. Wenn wir diese Tiere töten, berauben wir sie der Fähigkeit, die Befriedigung ihrer Interessen, Vorlieben und Wünsche zu genießen – gerade so, wie wir das tun, wenn wir Menschen töten.

Ich habe eingehende Erfahrung mit Hunden und kann mit völliger Gewissheit sagen, dass ich erstaunt wäre, würde jemand behaupten, Hunde seien keine vorausschauenden Wesen oder sie hätten keine Hoffnungen und Wünsche.

Die Singers Position zugrunde liegende Voraussetzung ist, dass die einzige Weise, vorausschauend zu sein und Hoffnungen und Wünsche zu haben, die ist, in der Menschen sie haben. Aber dies ist klarerweise eine speziesistische Position. Menschen haben Konzeptionen, die unlösbar mit symbolischer Kommunikation verbunden sind. Die Kognition von Tieren ist höchstwahrscheinlich sehr verschieden von menschlicher Kognition, weil sie sich keiner symbolische Kommunikation bedienen. Aber dies bedeutet mit Sicherheit nicht, dass Tiere über keine gleichwertigen kognitiven Phänomene verfügen.

Zweitens, und wichtiger, ist der moralische Wert, den Singer der Fähigkeit, für die Zukunft zu planen, zuordnet. Was ist mit Menschen mit einem vorübergehenden, umfassenden Gedächtnisverlust? Sie haben einen Sinn ihrer selbst in der Gegenwart, aber sie sind außerstande, sich an Vergangenes zu erinnern oder für die Zukunft zu planen. Wäre es moralisch falsch, sie zu töten? Natürlich wäre es das. Würden wir es als (moralisch oder rechtlich) schlimmer bewerten, eine Person zu töten, die nicht in dieser Verfassung ist? Natürlich nicht. Wir würden beide Tötungsdelikte als gleichermaßen schuldhaft betrachten, weil in beiden Fällen Menschen ihres Lebens beraubt wurden, das für sie von Bedeutung war. Das Leben eines Huhns ist für es ebenso kostbar wie mir das meine oder der Person mit Amnesie das ihre.

Überdies wäre, nach Singers Analyse, das Leben eines Menschen, der mehr Hoffnungen und Wünsche hat, mehr wert als das eines Menschen, der weniger hat. Also ist das Leben eines an Depressionen Leidenden, der möglicherweise nicht besonders erwartungsvoll in die Zukunft schaut oder für diese plant oder das Leben einer Person, deren Hoffnungen und Wünsche sich auf die nächste Mahlzeit oder einen Platz zum Schlafen richten, weniger wert als das, sagen wir eines Princeton-Professors, der jede Menge Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft hat.

Singers Bemerkungen spiegeln – einmal mehr – die Ansicht des Tierschutzes wider, dass unsere Nutzung von Tieren nicht das hauptsächliche oder überhaupt ein moralisches Problem ist, weil, dieser Ansicht zufolge, Tiere tatsächlich kein Interesse an ihrem Leben haben. Das heißt, Tierschützer halten an der Auffassung fest, dass Tiere ein Interesse, nicht zu leiden, haben; da sie aber mangels Hoffnungen und Zukunftswünschen kein Interesse an fortgesetztem Leben haben, können wir sie für unsere Zwecke nutzen, solange wir sie ''human'' behandeln. Singer akzeptiert zweifelsfrei das Tierschutz-Prinzip, dass Tiere von geringerem moralischem Wert als Menschen sind. Er verwirft eindeutig, ausdrücklich und wiederholt das Konzept von Tierrechten trotz seines Anspruchs – den er in seinem Interview nochmals erhebt –, er habe ''eine Tierrechtsbewegung zu schaffen'' gesucht.

Singers Aussagen in diesem Interview stellen nichts Neues dar. Er sagt diese Dinge seit Jahren, angefangen von Animal Liberation, einem Buch, dass nicht von Tierrechten handelt, aber Singer den Titel ''Vater der Tierrechtsbewegung'' eingetragen hat. Es ist allerdings nicht weniger als erstaunlich, dass so viele Anwälte der Tiere behaupten, es gebe keine wirklichen Unterschied zwischen Singers Position und dem abolitionistischen Tierrechtsansatz.

Jenen, die die Unterschiede nicht sehen, drücke ich meine ernste und tief gehende Bestürzung aus.

Gary L. Francione
©2009 Gary L. Francione

Nachtrag 22.März 2009

Gestern erhielt ich eine Email mit folgender Bemerkung:
Kürzlich hörte ich einen Vortrag von Peter Singer. Ich war verblüfft und entsetzt, ihn ausdrücklich erklären zu hören, dass Tiere zu töten nicht speziesistisch ist, wenn es schmerzlos geschieht. Ich habe einiges von Ihrem Werk gelesen und lehne diese Behauptung natürlich ab. Ich verließ den Vortrag zornig und enttäuscht. Ist dies wirklich der Autor der ''Bibel'' der ''Tierrechtsbewegung'', der den Menschen erzählt, es ist OK, Tiere zu töten?
Wie ich in dem vorausgehenden Essay feststellte, sollte niemand überrascht oder schockiert darüber sein, dass Singer das Töten von Tieren nicht als per se verwerflich ansieht. Er vertritt diese Ansicht seit mindestens den letzten 33 Jahren – seit er Animal Liberation schrieb. Singer betrachtet das Töten von Tieren nicht als speziesistisch, weil er nicht denkt, dass Tiere ein Interesse am Weiterleben haben, so dass wir ihnen keinen Schaden zufügen, wenn wir sie schmerzlos töten. Wie ich oben (und an anderer Stelle) argumentiere, beruht Singers Ansicht, dass dies nicht speziesistisch ist, auf der eindeutig speziesistischen Voraussetzung, dass Tiere nur dann ein Interesse am Weiterleben haben können, wenn sie über die Art reflexiven Selbst-Bewusstseins verfügen, die wir mit normalen menschlichen Erwachsenen assoziieren.

Was überraschend und schockierend ist, ist der Umstand, dass eine ''Tierrechtsbewegung'' Animal Liberation als '''Bibel' der modernen Tierrechtsbewegung'' anpreist oder Singer als ''Vater der modernen Bewegung für Tiere'' begrüßt und fördert.

Viele kritisieren Singer, weil er seine Sichtweise als ''Tierrechtsposition'' charakterisiert. Das sollte er sicherlich nicht tun, da es nicht zutreffend ist; er weiß das und hat es bei einer Reihe von Gelegenheiten ausdrücklich eingeräumt. Aber die hauptsächliche Verantwortlichkeit liegt auf Seiten von Anwälten der Tiere, die sich augenscheinlich niemals die Mühe gemacht haben, Animal Liberation zu lesen, bevor sie das Buch zur ''Bibel'' kürten und die sich jedenfalls nicht die Zeit genommen haben, kritisch über die Bedeutung von ''Tierrechten'' nachzudenken.

Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit war eine soziale Bewegung so verdreht.

Gary L. Francione
© 2009 Gary L. Francione

Monday, 2 March 2009

Geburtsschäden: Vegane Ernährung oder einfach nicht genug Vitamin B12?

von Gary L. Francione Blog

Ich las einen Artikel im heutigen Telegraph, einer britischen Zeitung, mit dem Titel: ''Vegane Ernährung erhöht das Risiko von Geburtsschäden, warnen Wissenschaftler.'' Der Untertitel lautet: ''Frauen mit strikt vegetarischer oder veganer Ernährung haben möglicherweise ein größeres Risiko, ein Kind mit Geburtsschäden zu bekommen, weil sie wahrscheinlich einen Vitamin B12-Mangel haben. '' Der Artikel diskutiert eine neue Studie, erschienen im Journal Pediatrics.

Abgesehen vom Titel und Untertitel des Artikels gibt es jedoch keine weitere Erwähnung von Veganismus oder Vegetarismus.

Also ging ich auf die Website meiner Universitätsbibliothek, um die Studie herunterzuladen, aber sie war noch nicht verfügbar, da die Ausgabe des Journals, in dem sie steht, gerade erst erschienen ist. Aber ich konnte eine Inhaltsangabe der Studie online finden.

Interessanterweise enthält die Inhaltsangabe nicht einmal das Wort ''vegan'' oder ''vegetarisch''. Diese Begriffe erscheinen nicht im Verzeichnis der Schlagworte, die den Autor beschreiben.

Wir werden warten und sehen müssen, was die Studie tatsächlich sagt, aber wenn die Autoren mit der Beschreibung in der Inhaltsangabe nicht schlechte Arbeit geleistet haben (was durchaus möglich ist), so scheint es, als ob die Studie lediglich eine Korrelation zwischen einem niedrigen B12-Spiegel und bestimmten Geburtsdefekten aufzeigt und sich nicht auf vegane Ernährung und B12 konzentriert. Im Allgemeinen und wie der Telegraph-Artikel feststellt, sind Frauen gut beraten, sicherzustellen, dass der Folsäurespiegel während der Schwangerschaft hoch genug ist, um gegen diese Geburtsdefekte zu schützen. Der Artikel in dem Journal scheint keine Anklageschrift gegen eine vegane Ernährung zu sein; vielmehr scheint er geltend zu machen, dass ein ausreichender B12-Spiegel das Risiko jener Geburtsdefekte weiter senken kann.

Alle Veganer wissen auf genügend B12 in ihrer Ernährung Acht zu geben (oder sollten es). Dies kann auf vielfache Weise geschehen, einschließlich des Verzehrs bestimmter Nahrungsmittel, die B12 enthalten oder damit angereichert sind. Schwangere Frauen, ob sie vegan leben oder nicht, müssen auf ihren Folsäurespiegel und, wenn die Studie Recht hat, auf ihr B12-Niveau achten. Veganer müssen Sorge tragen, dass sie ihr B12 aus pflanzlichen Quellen beziehen, ebenso wie Konsumenten von Tierprodukten sicherstellen müssen, dass sie eine ausreichende Versorgung aus Fleisch haben. In jedem Fall ist es allerdings unverantwortlich, zu suggerieren, dass vegane Ernährungsformen mit Geburtsschäden korrelieren.

Vegane Ernährung kann sicherlich Gesundheitsprobleme mit sich bringen. Ich könnte mir vorstellen, dass jemand, wenn er nichts anderes als dreimal täglich Rosenkohl äße, schädliche Folgen erlitte. Doch das träfe auch auf denjenigen zu, der jeden Tag nichts anderes als Steak äße.

Es ist unzureichende und nicht vegane Ernährung, die mit Geburtsdefekten korreliert.

Jene, die behaupten, vegan zu essen sei nicht ''natürlich'', weil Veganer um B12 besorgt sein müssen, mögen bitte bedenken, dass jeder um B12 besorgt sein und irgendetwas essen muss, um es zu bekommen. Ich konsumiere Nährhefe, Fleischesser konsumieren Fleisch. Zu sagen, Nährhefe sei weniger ''natürlich'' als Fleisch, heißt, das zu Beweisende als feststehend zu betrachten.

Gary L. Francione
© 2009 Gary L. Francione

Sunday, 1 February 2009

Bio-Fleisch und Sexismus

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen,

zwei Dinge erregten meine Aufmerksamkeit heute morgen, die wirklich Bände über den Zustand dessen sprechen, was als ''Tierschutzbewegung'' bezeichnet wird.

Das Erste ist ein Artikel in der Londoner Times. Die Autorin, Teresa Williams, verkündet, dass sie nach 25 Jahren als Vegetarierin jetzt wieder Fleisch isst. Sie betont, sie sei ''nicht der einzige standhafte Veggie, der ein lebenslange Hingabe an Hülsenfrüchte und Tofu im letzten Jahr aufgab. Die Food Standards Agency [Agentur für Lebensmittelstandards] in Großbritannien gibt an, dass die Zahl der sich teilweise oder vollständig vegetarisch ernährenden Menschen von 9 Prozent im Jahr 2007 auf 7 Prozent im Jahr 2008 gesunken ist.''

Die Gründe für Williams Rückkehr zum Fleisch:
Ich sehe meine Entscheidung, zum Fleisch zurückzukehren, als Teil einer größeren Veränderung in Großbritanniens Esskultur. Wir haben uns vom Ansatz alten Schlages, ''Fleisch ist Mord'', wegbewegt, und nun wird Fleisch aus guter Quelle als gesund und natürlich angesehen.

Wir wurden von Jamie, Hugh und Gordon überzeugt. Sie scheinen Tiere zu lieben und haben doch kein Problem damit, gut aufgezogene Exemplare zu töten und zu einer Pastete zu verarbeiten.

Kürzliche Fortschritte in der Etikettierung von Lebensmitteln haben es außerdem erleichtert, festzustellen, woher unser Fleisch stammt und wie es aufgezogen wurde. Das Soil-Association-Siegel bedeutet, dass Tiere unter den strikten Bio-Richtlinien des Tierschutzes aufgezogen wurden. Ehemalige schuldbewusste Vegetarier werden ebenso durch Freedom-Food-Labels beruhigt, dass die Tiere unter von der RSPCA [Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals] anerkannten Bedingungen gehalten wurden.

Auch aufs Land gezogen zu sein hat meine Einstellung verändert. Ich lebe jetzt in der Nähe eines Dorfmetzgers, der viel von dem Fleisch züchtet, das er verkauft. Von meinem offenen Fenster kann ich seine glücklichen Schweine in den Feldern schnüffeln sehen. Und ich gehe jeden Tag an seinen Kühen und Schafen vorbei. Ihre Reise zu seinem Schaufenster über den Schlachthof ist kürzer als mein Gang zur Schule.
Der Artikel endet mit einer Schritt-für-Schritt Anleitung dazu, ''wie man ein wiedergeborener Carnivore [Fleischfresser] wird.''

Das ist es, wohin die ''Bio-Fleisch/Mmilch/Eier''-Bewegung führt. Und es ist sicherlich nicht auf Großbritannien begrenzt. In den USA fördern Tierschutzorganisationen Initiativen wie Kaliforniens Proposition 2, die nichts leisten, um Tieren zu helfen, aber Menschen fälschlicherweise versichern, dass Tieren bedeutend verbesserter ''humaner'' Schutz zuteil wird.

Die zugrunde liegende Voraussetzung der modernen Bewegung zum ''Schutz der Tiere'' ist, dass es akzeptabel ist, dass Menschen Tiere nutzen, solange diese ''menschlich'' behandelt werden. Jene, die diese Position unterstützen, mögen eine bessere Behandlung von Tieren wollen, als die Tierschützer der 1940er und 1950er Jahre sie anstrebten, aber das Prinzip ist das gleiche: die Nutzung spielt keine Rolle, nur die Behandlung. Das ist ein grundlegender Unterschied zwischen dem abolitionistischen Ansatz und dem von den großen Organisationen des Neuen Tierschutzes übernommenen Ansatz. Die abolitionistische Position lehnt jegliche Tiernutzung ab und betrachtet kreative, gewaltfreie Aufklärung über Veganismus als die vorrangig anzuwendende Strategie.

Der andere Gegenstand meiner Aufmerksamkeit betrifft NBCs [Natiohal Broadcasting Corporation] Weigerung, PETAs Veggie-Love-Werbung während des diesjährigen Super Bowl auszustrahlen, weil die Werbung, die Fotomodelle in verschiedenen Stadien spärlichen Bekleidetseins zeigt, die sich streicheln, Gemüse in zweideutiger Weise gebrauchen und erklären, dass ''Vegetarier..besseren Sex (haben)'', zu deutlich sexuell ist.

Mir ist unklar, warum PETA und jene, die denken, dass derlei akzeptabel ist, nicht erkennen, dass Sexismus und Speziesismus sehr nahe verwandt sind. Solange wir fortfahren, Frauen zu verdinglichen, werden wir fortfahren, Tiere zu verdinglichen. Sexismus ist nicht nur an sich verwerflich; es ist eine höchst ineffektive Art und Weise, das Bewusstsein über Tiere zu erhöhen. PETA betreibt seine sexistische Anit-Pelz-Kampagne seit etwa 20 Jahren. Hat sie irgendeine Wirkung gehabt? Die Pelzindustrie ist stärker als jemals zuvor.

Überdies kostet Super Bowl eine Menge Geld. Die anderen, von jener Werbung aufgeworfenen Streitfragen einmal beiseite lassend, wie kann irgendjemand denken, sie sei eine gute Verwendung von Geld? Wie kann PETA 85% der von ihnen geretteten Tiere töten, wenn die Organisation offensichtlich Geld zu verschwenden hat, um Werbung zu produzieren und zu vermarkten, in der nackte Frauen Kürbisse lecken und mit Gemüse zu masturbieren scheinen?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass PETA, HSUS und andere körperschaftliche Tierschutzgruppen nicht denken, dass sie das Richtige tun. In der Tat bin ich ziemlich sicher, dass sie das denken. Meiner Meinung nach befinden sie sich im Irrtum.

Gary L. Francione
© 2009 Gary L. Francione

Wednesday, 29 October 2008

Nicht zu fassen

von Gary L. Francione Blog

Das New York Times Magazine vom 26. Oktober 2008 enthält einen langatmigen Artikel über Kaliforniens Proposition 2. Ich werde mehr zu diesem Artikel bloggen, der auf mehreren Ebenen beunruhigend ist.

Aber ich kann keinen Moment verstreichen lassen, ohne eine HSUS-Präsident Wayne Pacelle zugeschriebene Aussage zu kommentieren: ''Was die Leute angeht, die eine vegane Revolution wollen – das ist mir zu passiv.''

Kreative, gewaltfreie Aufklärung über Veganismus ist alles andere als ''passiv''. Es ist die wirksamste Art und Weise, die Nachfrage nach Tierprodukten zu senken. Es ist die wirksamste Art und Weise, einen kulturellen Übergang zu bewirken von der Vorstellung, dass Tiere Dinge sind, die wir ausbeuten können, solange wir dies ''human'' tun, zu der Einsicht, dass sie Mitglieder der moralischen Gemeinschaft sind, die das Recht haben, nicht in die Welt gesetzt und umgebracht zu werden, nur weil wir den Geschmack ihres Fleisches und der Produkte genießen, die wir aus ihrem Leiden gewinnen.

Es ist nichts weniger als bemerkenswert, dass Pacelle als nicht ''passiv'' einen Wahlvorschlag unterstützt, der von Ausnahmeregelungen durchlöchert ist, nicht vor 2015 in Kraft treten und die Konsumenten sich nur besser dabei fühlen lassen wird, die Ausbeutung von Tieren fortgesetzt zu unterstützen.

Es ist nichts weniger als bemerkenswert, dass ein Mann, der eine Organisation steuert, die über ausgewiesene Einkünfte von $ 124.000.000 und ein Vermögen von $ 223.000.000 verfügt, sich über den Graswurzelaktivismus der Aufklärung über Veganismus als ''passiv'' beklagt. Stellen Sie sich vor, was für Tiere getan werden könnte, wenn eine erhebliche Portion dieser Ressourcen einer kreativen, progressiven veganen Kampagne gewidmet würde. Die Tatsache, dass Wayne sich Proposition 2 als die zu unternehmende Strategie vorstellt, zeugt zum Mindesten von einem völligen Versagen von Vorstellungskraft.

Der New York Times Artikel sagt, dass Pacelle Veganer wurde, als er 19 war. Ich würde denken, dass das, was Wayne dazu bewog, Veganer zu werden, eine Veränderung der Weise war, wie er Tiere sah. Vielleicht sollte anderen eher die Chance gegeben werden, ihre Wahrnehmungen zu ändern, als dass ihnen fälschlicherweise erzählt wird, sie könnten etwas Bedeutungsvolles tun, indem sie Anstrengungen wie Proposition 2 unterstützen.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione

Sunday, 12 October 2008

Noch ein schrecklicher kalifornischer Antrag

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen:

Es sieht so aus, als sei Proposition 2 nicht die einzige reaktionäre Maßnahme, die kalifornischen Wählern nächste Woche vorgelegt werden wird.

Proposition 8, der Antrag, der das Recht gleichgeschlechtlicher Paare, zu heiraten, zu beseitigen bezweckt, wird ebenfalls zur Abstimmung stehen.

Im Mai 2008 hat das kalifornische Oberste Bundesgericht entschieden, dass die Beschränkung der Ehe auf die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau die Klausel über gleichen Schutz in der kalifornischen Verfassung verletzt und dass Personen gleichen Geschlechts unter der kalifornischen Verfassung das Recht, zu heiraten, haben. Proposition 8 fordert die Wähler Kaliforniens dazu auf, trotz dieser Gerichtsentscheidung Schulen und Lesben in Kalifornien gleichen Schutz zu verweigern.

Proposition 8 ist nichts anderes als unverhohlener Heterosexismus.

Wir leben in einer Gesellschaft, die durchdrungen ist von Rassismus, Sexismus, Heterosexismus und Speziesismus. All diesen Einstellungen gemeinsam ist der Ausschluss einer bestimmten Gruppe aus der Mitgliedschaft in der moralischen Gemeinschaft, basierend auf dafür belanglosen Eigenschaften (Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Artzugehörigkeit). Wenn wir jemals als Zivilisation Fortschritt machen sollen, müssen wir alle diese Formen der Diskriminierung zurückweisen. Alle Diskriminierung ist eine Form von Gewalt.

Ich hoffe freilich, dass die kalifornischen Wähler sich diesem bedauerlichen Versuch, Schwulen und Lesben Würde und Respekt zu bestreiten, widersetzen werden.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione