Sunday, 1 February 2009

Bio-Fleisch und Sexismus

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen,

zwei Dinge erregten meine Aufmerksamkeit heute morgen, die wirklich Bände über den Zustand dessen sprechen, was als ''Tierschutzbewegung'' bezeichnet wird.

Das Erste ist ein Artikel in der Londoner Times. Die Autorin, Teresa Williams, verkündet, dass sie nach 25 Jahren als Vegetarierin jetzt wieder Fleisch isst. Sie betont, sie sei ''nicht der einzige standhafte Veggie, der ein lebenslange Hingabe an Hülsenfrüchte und Tofu im letzten Jahr aufgab. Die Food Standards Agency [Agentur für Lebensmittelstandards] in Großbritannien gibt an, dass die Zahl der sich teilweise oder vollständig vegetarisch ernährenden Menschen von 9 Prozent im Jahr 2007 auf 7 Prozent im Jahr 2008 gesunken ist.''

Die Gründe für Williams Rückkehr zum Fleisch:
Ich sehe meine Entscheidung, zum Fleisch zurückzukehren, als Teil einer größeren Veränderung in Großbritanniens Esskultur. Wir haben uns vom Ansatz alten Schlages, ''Fleisch ist Mord'', wegbewegt, und nun wird Fleisch aus guter Quelle als gesund und natürlich angesehen.

Wir wurden von Jamie, Hugh und Gordon überzeugt. Sie scheinen Tiere zu lieben und haben doch kein Problem damit, gut aufgezogene Exemplare zu töten und zu einer Pastete zu verarbeiten.

Kürzliche Fortschritte in der Etikettierung von Lebensmitteln haben es außerdem erleichtert, festzustellen, woher unser Fleisch stammt und wie es aufgezogen wurde. Das Soil-Association-Siegel bedeutet, dass Tiere unter den strikten Bio-Richtlinien des Tierschutzes aufgezogen wurden. Ehemalige schuldbewusste Vegetarier werden ebenso durch Freedom-Food-Labels beruhigt, dass die Tiere unter von der RSPCA [Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals] anerkannten Bedingungen gehalten wurden.

Auch aufs Land gezogen zu sein hat meine Einstellung verändert. Ich lebe jetzt in der Nähe eines Dorfmetzgers, der viel von dem Fleisch züchtet, das er verkauft. Von meinem offenen Fenster kann ich seine glücklichen Schweine in den Feldern schnüffeln sehen. Und ich gehe jeden Tag an seinen Kühen und Schafen vorbei. Ihre Reise zu seinem Schaufenster über den Schlachthof ist kürzer als mein Gang zur Schule.
Der Artikel endet mit einer Schritt-für-Schritt Anleitung dazu, ''wie man ein wiedergeborener Carnivore [Fleischfresser] wird.''

Das ist es, wohin die ''Bio-Fleisch/Mmilch/Eier''-Bewegung führt. Und es ist sicherlich nicht auf Großbritannien begrenzt. In den USA fördern Tierschutzorganisationen Initiativen wie Kaliforniens Proposition 2, die nichts leisten, um Tieren zu helfen, aber Menschen fälschlicherweise versichern, dass Tieren bedeutend verbesserter ''humaner'' Schutz zuteil wird.

Die zugrunde liegende Voraussetzung der modernen Bewegung zum ''Schutz der Tiere'' ist, dass es akzeptabel ist, dass Menschen Tiere nutzen, solange diese ''menschlich'' behandelt werden. Jene, die diese Position unterstützen, mögen eine bessere Behandlung von Tieren wollen, als die Tierschützer der 1940er und 1950er Jahre sie anstrebten, aber das Prinzip ist das gleiche: die Nutzung spielt keine Rolle, nur die Behandlung. Das ist ein grundlegender Unterschied zwischen dem abolitionistischen Ansatz und dem von den großen Organisationen des Neuen Tierschutzes übernommenen Ansatz. Die abolitionistische Position lehnt jegliche Tiernutzung ab und betrachtet kreative, gewaltfreie Aufklärung über Veganismus als die vorrangig anzuwendende Strategie.

Der andere Gegenstand meiner Aufmerksamkeit betrifft NBCs [Natiohal Broadcasting Corporation] Weigerung, PETAs Veggie-Love-Werbung während des diesjährigen Super Bowl auszustrahlen, weil die Werbung, die Fotomodelle in verschiedenen Stadien spärlichen Bekleidetseins zeigt, die sich streicheln, Gemüse in zweideutiger Weise gebrauchen und erklären, dass ''Vegetarier..besseren Sex (haben)'', zu deutlich sexuell ist.

Mir ist unklar, warum PETA und jene, die denken, dass derlei akzeptabel ist, nicht erkennen, dass Sexismus und Speziesismus sehr nahe verwandt sind. Solange wir fortfahren, Frauen zu verdinglichen, werden wir fortfahren, Tiere zu verdinglichen. Sexismus ist nicht nur an sich verwerflich; es ist eine höchst ineffektive Art und Weise, das Bewusstsein über Tiere zu erhöhen. PETA betreibt seine sexistische Anit-Pelz-Kampagne seit etwa 20 Jahren. Hat sie irgendeine Wirkung gehabt? Die Pelzindustrie ist stärker als jemals zuvor.

Überdies kostet Super Bowl eine Menge Geld. Die anderen, von jener Werbung aufgeworfenen Streitfragen einmal beiseite lassend, wie kann irgendjemand denken, sie sei eine gute Verwendung von Geld? Wie kann PETA 85% der von ihnen geretteten Tiere töten, wenn die Organisation offensichtlich Geld zu verschwenden hat, um Werbung zu produzieren und zu vermarkten, in der nackte Frauen Kürbisse lecken und mit Gemüse zu masturbieren scheinen?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass PETA, HSUS und andere körperschaftliche Tierschutzgruppen nicht denken, dass sie das Richtige tun. In der Tat bin ich ziemlich sicher, dass sie das denken. Meiner Meinung nach befinden sie sich im Irrtum.

Gary L. Francione
© 2009 Gary L. Francione

Wednesday, 29 October 2008

Nicht zu fassen

von Gary L. Francione Blog

Das New York Times Magazine vom 26. Oktober 2008 enthält einen langatmigen Artikel über Kaliforniens Proposition 2. Ich werde mehr zu diesem Artikel bloggen, der auf mehreren Ebenen beunruhigend ist.

Aber ich kann keinen Moment verstreichen lassen, ohne eine HSUS-Präsident Wayne Pacelle zugeschriebene Aussage zu kommentieren: ''Was die Leute angeht, die eine vegane Revolution wollen – das ist mir zu passiv.''

Kreative, gewaltfreie Aufklärung über Veganismus ist alles andere als ''passiv''. Es ist die wirksamste Art und Weise, die Nachfrage nach Tierprodukten zu senken. Es ist die wirksamste Art und Weise, einen kulturellen Übergang zu bewirken von der Vorstellung, dass Tiere Dinge sind, die wir ausbeuten können, solange wir dies ''human'' tun, zu der Einsicht, dass sie Mitglieder der moralischen Gemeinschaft sind, die das Recht haben, nicht in die Welt gesetzt und umgebracht zu werden, nur weil wir den Geschmack ihres Fleisches und der Produkte genießen, die wir aus ihrem Leiden gewinnen.

Es ist nichts weniger als bemerkenswert, dass Pacelle als nicht ''passiv'' einen Wahlvorschlag unterstützt, der von Ausnahmeregelungen durchlöchert ist, nicht vor 2015 in Kraft treten und die Konsumenten sich nur besser dabei fühlen lassen wird, die Ausbeutung von Tieren fortgesetzt zu unterstützen.

Es ist nichts weniger als bemerkenswert, dass ein Mann, der eine Organisation steuert, die über ausgewiesene Einkünfte von $ 124.000.000 und ein Vermögen von $ 223.000.000 verfügt, sich über den Graswurzelaktivismus der Aufklärung über Veganismus als ''passiv'' beklagt. Stellen Sie sich vor, was für Tiere getan werden könnte, wenn eine erhebliche Portion dieser Ressourcen einer kreativen, progressiven veganen Kampagne gewidmet würde. Die Tatsache, dass Wayne sich Proposition 2 als die zu unternehmende Strategie vorstellt, zeugt zum Mindesten von einem völligen Versagen von Vorstellungskraft.

Der New York Times Artikel sagt, dass Pacelle Veganer wurde, als er 19 war. Ich würde denken, dass das, was Wayne dazu bewog, Veganer zu werden, eine Veränderung der Weise war, wie er Tiere sah. Vielleicht sollte anderen eher die Chance gegeben werden, ihre Wahrnehmungen zu ändern, als dass ihnen fälschlicherweise erzählt wird, sie könnten etwas Bedeutungsvolles tun, indem sie Anstrengungen wie Proposition 2 unterstützen.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione

Sunday, 12 October 2008

Noch ein schrecklicher kalifornischer Antrag

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen:

Es sieht so aus, als sei Proposition 2 nicht die einzige reaktionäre Maßnahme, die kalifornischen Wählern nächste Woche vorgelegt werden wird.

Proposition 8, der Antrag, der das Recht gleichgeschlechtlicher Paare, zu heiraten, zu beseitigen bezweckt, wird ebenfalls zur Abstimmung stehen.

Im Mai 2008 hat das kalifornische Oberste Bundesgericht entschieden, dass die Beschränkung der Ehe auf die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau die Klausel über gleichen Schutz in der kalifornischen Verfassung verletzt und dass Personen gleichen Geschlechts unter der kalifornischen Verfassung das Recht, zu heiraten, haben. Proposition 8 fordert die Wähler Kaliforniens dazu auf, trotz dieser Gerichtsentscheidung Schulen und Lesben in Kalifornien gleichen Schutz zu verweigern.

Proposition 8 ist nichts anderes als unverhohlener Heterosexismus.

Wir leben in einer Gesellschaft, die durchdrungen ist von Rassismus, Sexismus, Heterosexismus und Speziesismus. All diesen Einstellungen gemeinsam ist der Ausschluss einer bestimmten Gruppe aus der Mitgliedschaft in der moralischen Gemeinschaft, basierend auf dafür belanglosen Eigenschaften (Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Artzugehörigkeit). Wenn wir jemals als Zivilisation Fortschritt machen sollen, müssen wir alle diese Formen der Diskriminierung zurückweisen. Alle Diskriminierung ist eine Form von Gewalt.

Ich hoffe freilich, dass die kalifornischen Wähler sich diesem bedauerlichen Versuch, Schwulen und Lesben Würde und Respekt zu bestreiten, widersetzen werden.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione

Sunday, 21 September 2008

''Diese Tiere sind unsere lieben Freunde''

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen,

heute gingen Anna und ich zu Whole Foods [Bio-Supermarkt]. Wir verabscheuen es, dort einzukaufen, aber wir haben keine Wahl: Unsere örtlichen Reformhäuser sind weitgehend verschwunden infolge der Ausbreitung von Ketten wie Whole Foods und Trader Joe's. Sonntags gibt es einen Markt auf dem Parkplatz von Whole Foods. Lokale Anbieter verkaufen Obst, Gemüse, Backwaren – und Tierfleisch und Tierprodukte. Eine Verkäuferin hatte ihren ''Bio-Fleisch''-Stand dekoriert mit Bildern von ''Freiland''-Hühnern, -Schweinen und -Kühen. Wir blieben stehen, um uns die Bilder anzuschauen. Ich wies die Verkäuferin darauf hin, dass keine Bilder des Schlachtvorgangs zu sehen seien.

''Oh, wir schlachten unsere Hühner am Hof und unsere Kühe und Schweine gehen zu einem Schlachtbetrieb, der nur sechs Meilen entfernt ist. Sie bleiben nicht über Nacht dort, und wir bemühen uns, es so stressfrei wie möglich zu machen.''

Ein Kunde sagte: ''Ich fühle mich so viel besser dabei, mein Fleisch von Höfen wie diesem zu kaufen.''

Die Verkäuferin bemerkte: ''Oh ja, diese Tiere sind unsere lieben Freunde.''

Ich erwiderte, höflich, aber ernst: ''So was zu sagen ist sonderbar; ich hoffe, Sie behandeln ihre anderen 'lieben Freunde' nicht auf diese Art und Weise.''

Die Verkäuferin lachte; sie dachte, ich hätte einen Witz gemacht.

''Diese Tiere sind unsere lieben Freunde.'' Denken Sie darüber nach. Denken Sie über die schreckliche Verwirrung nach, die eine solche Aussage enthüllt.

Das ist es, wohin uns die ''Bio-Fleisch''-Bewegung führt.

Das ist es, wohin uns die PETA–KFC–controlled-atmosphre-killing-Kampagne bringt.

Das ist es, wohin uns Bemühungen wie Proposition 2 bringen.

Wir bewegen uns rückwärts.

Leben Sie vegan. Es ist die Basis der abolitionistischen Bewegung und es ist Gewaltlosigkeit in Aktion.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione

Tuesday, 2 September 2008

Wie verfahren mit Proposition 2?

Gary L.Francione Blog

Liebe KollegInnen:

Ich bekomme eine große Zahl von Anfragen, ob Anwälte der Tiere in Kalifornien für Proposition 2, das bereits zur Abstimmung steht, wählen sollten.

Per Saldo ist es meine Meinung, dass Anwälte der Tiere gegen Proposition 2 stimmen (oder sich der Abstimmung darüber zumindest enthalten) sollten. Ich stütze meine Ansicht auf drei Gründe:

Erstens wird Proposition nichts dazu beitragen, Tierleid kurzfristig zu verringern. Es wird, wenn überhaupt, nicht einmal vor 2015 in Kraft treten. Proposition 2 hat zahlreiche Ausnahmebestimmungen und Einschränkungen und wird, selbst wenn es doch irgendwann in ferner Zukunft in Kraft tritt und selbst wenn es vollzogen wird, zu keiner bedeutsamen Verminderung von Tierleid führen.

Zweitens wird Proposition 2, wenn verabschiedet, lediglich der Öffentlichkeit ein besseres Gefühl bei der Ausbeutung von Tieren geben und in zunehmender Ausbeutung resultieren. Tiere werden weiterhin gequält werden; der einzige Unterschied ist, dass das Quälen die offene Zustimmung von HSUS, Farm Sanctuary und all der anderen Tierschutzvereine, die für Proposition 2 werben, haben wird. Es ist bezeichnend, dass annähernd 100 Landwirtschaftsorganisationen Proposition 2 unterstützen. Was meinen Sie wohl, wie das kommt? Die Antwort ist offenkundig. Diese Produzenten denken, dass Proposition 2 ihnen unterm Strich nutzen wird. Und das wird es.

Drittens ist es wichtig, dass Anwälte der Tiere an die Humane Society of the United States, Farm Sanctuary und anderen Gruppen die klare Botschaft senden, dass sie aufhören sollen, Maßnahmen wie Proposition 2 zu fördern. Wenn HSUS wirklich besorgt über das Leiden der Tiere ist, dann sollte der Verein vielleicht einen größeren Brocken seiner 223 Millionen Dollar an Guthaben und 124 Millionen an Einnahmen darauf verwenden, über Veganismus aufzuklären. Die Verbreitung des Veganismus vermindert die Nachfrage nach Tierprodukten und hilft, die gesellschaftliche Einstellung von der Vorstellung, es sei moralisch akzeptabel, Tiere zu nutzen, solange wir es ''human'' tun, wegzubewegen. Es ist Zeit, dass Anwälte der Tiere dazu einfach ''nein'' sagen.

Es ist Zeit, von den Organisationen, die vorgeben, die Ideale von Anwälten der Tiere zu vertreten, mehr zu verlangen als wohlfeile Kampagnen, die Schlagzeilen produzieren und pralle Geldbeutel, aber nichts für einen bedeutsamen Schutz tierlicher Interessen leisten und in keiner Weise den Eigentumsstatus von Tieren untergraben. Kreative, gewaltfreie Aufklärung über Veganismus ist der beste Weg, Leiden und Tod von Tieren kurzfristig und langfristig zu vermindern. Zunehmender Veganismus ist das einzige Mittel, die Tierausbeutung abzuschaffen. Bemühungen wie Proposition 2, die das Konsumieren von Tieren akzeptabler machen, verstärken nur den Speziesismus und die Vorstellung, es sei akzeptabel, Tiere zu konsumieren, solange wir dies ''human'' tun.

Die Entscheidung, wie über Proposition abgestimmt werden soll, ist keine, die erfordert, dass Anwälte der Tiere zwischen mehr oder weniger Tierleid wählen. Es ist eine Wahl dazwischen, mit dem Fördern der ''Bio-Fleisch''-Bewegung fortzufahren, welche die Dinge in die falsche Richtung treibt, oder sich an eine seriöse Anwaltschaft für Tiere zu begeben, die wirklich etwas verändert.

Anwälte der Tiere sollten nicht für Proposition 2 stimmen.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione

Tuesday, 26 August 2008

Proposition 2

von Gary L. Francione Blog

Liebe KollegInnen,

About.com hat ein Pro&Contra zu Kaliforniens Gesetz zum Schutz von Nutztieren, bekannt als ''Proposition 2'', veröffentlicht.

Ich lehne Proposition 2 ab. Die Humane Society of the United States ist primäre Hauptunterstützerin des Gesetzes und die About.com-Stellungnahme wurde geschrieben von Paul Shapiro, leitender Direktor und Leiter der HSUS-Nutztierkampagne. Die Essays sind kurz, insofern wir auf 500 Wörter jeder beschränkt waren.

Wie jene von Ihnen, die dem Interview, das ich auf Go Vegan Radion (26. Juli) gegeben habe, wissen, schlug ich dem Moderator, Bob Linden, vor, den Präsidenten und CEO [chief executive officer: Hauptgeschäftsführer] von HSUS, Wayne Pacelle, einzuladen, um die Kampagne für Proposition 2 und andere von HSUS geförderte Kampagnen zu debattieren. Bob hat mich informiert, dass er Wayne eingeladen, dieser aber abgelehnt hat. Ich bedauere dies, da ich denke, dass solcher Meinungsaustausch eine ausgezeichnete Gelegenheit für Anwälte der Tiere ist, sich über diese Probleme zu informieren.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione

Monday, 18 August 2008

Eine ''monumentale'' Entscheidung?

von Gary L. Francione Blog

Anwälte der Tiere sind ganz aus dem Häuschen über eine kürzliche Entscheidung des Obersten Bundesgerichts New Jersey (New Jersey Supreme Court). Laut der Presseerklärung der Humane Society of the United States und Farm Sanctuary, zwei der Petenten in dieser Sache:
Das Oberste Bundesgericht New Jersey hat heute die Verfügungen des Landwirtschaftsministeriums (Department of Agriculure) New Jersey, die alle Routinepraktiken der Tierhaltung als ''human'' ausnehmen, niedergeschlagen und die Behörde angeordnet, sich mit vielen der staatlich verfügten Normen der Behandlung von Tieren erneut zu befassen.

In diesem monumentalen Fall hat das Gericht befunden, dass Praktiken der Massentierhaltung nicht einfach deshalb als human angesehen werden können, weil sie weit verbreitet sind, und schafft damit einen rechtlichen Präzedenzfall für weitere Schritte, um die krassesten Missbräuche in Massentierhaltungsbetrieben überall in den USA zu beenden. Das Gericht verwirft außerdem die Praktik des Schwanzkürzens bei Rindern und die Art und Weise, in der das NJDA dafür gesorgt hat, dass Nutztiere ohne Betäubung verstümmelt werden.

''Dies ist ein Kardinalsieg für Nutztiere in New Jersey und wird den Weg bahnen für verbesserten Schutz von Nutztieren landesweit'', sagt Gene Baur, Präsident und Mitgründer von Farm Sanctuary. Das Setzen eines Präzedenzfalls in einem einstimmigen Votum, welches klarstellt, dass allgemein gebräuchliche Praktiken nicht einfach deshalb als human betrachtet werden können, weil sie weit verbreitet sind, wird unsere Stoßkraft bei der Anfechtung des grausamen Status quo in den Tierfabriken verstärken.''

Zusätzlich zur Niederschlagung der behördlichen, weit reichenden Ausnahme von Routinepraktiken der Tierhaltung vertritt das Gericht ferner die Ansicht, dass Schwanzkürzen nicht als human angesehen werden könne, und die Art und Weise, in der Verstümmlungen ohne Betäubung, einschließlich Kastrieren, Schnabelkürzen und Zehenkürzen, vorgenommen würden, könne ohne einige spezifische Anforderungen, um Schmerzen und Leiden vorzubeugen, nicht als human angesehen werden Das Gericht stellte klar, dass die Entscheidung, solche Praktiken zuzulassen, wenn sie von einer ''sachkundigen Person'' und so ausgeführt würden, dass ''Schmerz minimiert'' würde, nicht ''durchgehen'' könne.

''Diese Entscheidung wird Tausende von Tieren in New Jersey schützen und stellt zudem einige der schlimmsten im ganzen Land praktizierten Missbräuche in der Massentierhaltung in Frage'', sagt Jonathan Lovvorn, Vizepräsident der Abteilung Tierschutz-Streitsachen der Humane Society of the United States. ''Alle Tiere verdienen humane Behandlung, einschließlich der für Nahrungszwecke gezüchteten Tiere.''
Leider ist diese freudige Erregung nicht berechtigt. Wenn man das tatsächliche Stellungnahme liest, bekommt man ein erheblich anderes Bild.

HSUS, Farm Sanctuary und die anderen Petenten haben mehrere Argumente:

Erstens argumentieren sie, dass die Regelungen, die vom Landwirtschaftsministerium New Jersey übernommen wurden, im Ganzen außer Kraft gesetzt werden sollten, weil sie nicht der Bedeutung der ''Humanstandards'' für Nutztiere genügten, wie sie vom Gesetz in New Jersey beabsichtigt gewesen seien, das die Regelungen überhaupt erforderlich gemacht habe, und weil letztere nicht einmal mit der Bedeutung von ''human'' übereinstimmten, welche die Behörde selbst übernommen habe.

Das Oberste Bundesgericht New Jersey wies das Argument zurück und lehnte es ab, die Regelungen im Ganzen außer Kraft zu setzen.

Zweitens fochten die Petenten die Einbeziehung der Regelungen in die ''Sicherer Hafen''-Sprache an, die solche ''landwirtschaftlichen Routinepraktiken'' als ''human'' behandle.

Das Gericht stimmte diesem Punkt zu, doch seine Entscheidung war sehr begrenzt. Es vertrat die Auffassung, die Regelungen definierten ''landwirtschaftliche Routinepraktiken'' zum Teil als ''solche Techniken, die üblicherweise an Veterinärschulen, Land Grant Colleges [Colleges, die vom Staat Land für Forschungszwecke erhalten] und von Landwirtschaftsberatern (agricultural extension agents) zum Nutzen von Tieren, der Nutztierindustrie, von Tierbetreuern und der öffentlichen Gesundheit gelehrt würden.''

Aber die Behörde erbrachte einen Nachweis weder darüber, dass sie wirklich bedacht hatte, was jene Institutionen lehren, noch ob jene Techniken, die gelehrt werden, in irgendeiner Weise auf Sorge um den Tierschutz gründen.

Das Gericht machte klar, wie wenig die Behörde zu tun hatte, um das Problem zu vermeiden:
Beispielsweise hätte das Ministerium den Lehrplan und die Fakultät an einer Reihe von Land Grant Colleges, Universitäten und Veterinärschulen prüfen und einige ermitteln können, wo Tierschutzbedenken zum Lehren solcher Praktiken führen, die der Definition des Ministeriums von human entsprechen. Hätte es dies getan und hätte es dann jene Institutionen als seinen ''Sicherer Hafen''-Maßstab genutzt, gäbe es keine Basis für eine Anfechtung. In der Tat, hätte das Ministerium Praktiken geprüft und sich darauf verlassen, die an der Rutgers Schule für ökologische und biologische Studien (School of Environmental and Biological Sciences), vormals als Cook College bekannt, gelehrt werden und vielleicht an einer Veterinärschule in New York oder Pennsylvania, es gäbe wahrscheinlich keine Berechtigung für unsere Einmischung. Stattdessen akzeptierte es, ohne gründliche Untersuchung, die Praktiken, die an jeder Veterinärschule, an jedem Land Grant College und von jedem Landwirtschaftsberater gelehrt werden, nicht nur in diesem Staat, sondern auch im Rest des Landes und, wie es scheint, wo immer sie auf der Welt zu finden sind. Obwohl einige jener Institutionen Praktiken lehren oder erfordern mögen, die weitaus humaner als unsere eigenen sind, legt nichts in den Akten nahe, dass sie alle den von unserer Gesetzgebung gesetzten Standards entsprechen.
Das heißt, das Gericht hat klargestellt, dass wenn die Behörde diesen minimalen Erfordernissen nachkommt, die Rücksicht gegenüber Verwaltungsbehörden, die normalerweise von Gerichten geübt wird, die Entscheidung der Behörde von Überprüfung tatsächlich abschirmen wird.

Drittens fochten die Petenten einzelne, nach den Regelungen erlaubte Praktiken an. Das Gericht vertrat die Meinung, dass nichts dafür spreche, die Entscheidung der Behörde, dass das Schwanzkürzen bei Rindern als nicht inhuman akzeptabel sei, zu unterstützen angesichts des Umstandes, dass sowohl die American Veterinary Medical Association (Amerikanische Veterinärmedizinische Vereinigung), die Canadian Veterinary Medical Association (Kanadische Veterinärmedizinische Vereinigung) als auch die American Association of Bovine Practitioners (Amerikanische Vereinigung der Rinder-Fachleute), welche das Gericht als ''die Industrie-Handelsgruppe'' bezeichnete, allesamt dieser Praktik kritisch gegenüberständen. Aber das Gericht machte deutlich, dass wenn die Behörde ihre Entscheidung, Schwanzkürzen zu erlauben, verteidigen könne mit dem Beleg, dass es tatsächlich einigen Nutzen bringt und in einer geregelten Weise ausgeführt werden kann, um sicherzustellen, dass es ''human'' ist (eine Norm, die sehr wenig erfordert), dies eine andere Sache wäre.

Die Petenten fochten außerdem die Entscheidung der Behörde an, das Kastrieren von Schweinen, Pferden und Kälbern, das Schnabelkürzen bei Hühnern und Truthähnen und das Zehenbeschneiden bei Truthähnen zu erlauben. Die Petenten machten geltend, dass diese Prozeduren nur notwendig seien, weil Tiere unter den Bedingungen der Massentierhaltung gehalten würden, und dass diese Prozeduren außerdem ohne Betäubung durchgeführt würden.

Das Gericht lehnte es ab, die Bedingungen der Haltung zu untersuchen, und befand:
Obwohl es andere Managementtechniken gibt, welche die gewünschten Resultate erzielen mögen, ohne diese besonderen Methoden anzuwenden, stützen hinreichend zuverlässige Belege in den Akten die Schlussfolgerung der Behörde, dass diese Techniken in einer humanen Weise ausgeführt werden können und erlaubt sein sollten.
Als Problem erkannte das Gericht einzig, dass die Behörde verlangt, dass diese Prozeduren ''von einer sachkundigen Person in einer hygienischen Art und Weise und so auszuführen sind, dass Schmerz minimiert wird.'' Das Gericht befand, dass diese Regelung zu vage sei und dass die Behörde etwas genauer anzugeben habe, was eine ''sachkundige Person'', was eine ''hygienische Art und Weise'' sei und wie die Prozeduren so ausgeführt werden sollten, ''dass Schmerz minimiert wird''. Das Gericht wies darauf hin, dass die Behörde bestimmen könne, dass die Vorteile jener Prozeduren allen Schmerz der Tiere überwögen und dass sie in einem bestimmten Alter oder mit einem bestimmten Instrument auszuführen seien. Einzig erforderlich sei, dass die Behörde irgendeine Norm übernehme.

Die Petenten fochten den Kastenstand für Schweine und Kälber an. Das Gericht verwarf die Anfechtung und bestätigte die Entscheidung der Behörde, diese Haltungsformen zu erlauben.

Abschließend machte das Gericht klar, dass es keine Praktik verbieten werde.
Wir sind mit Bestimmtheit zu dem Schluss gekommen, dass die ''landwirtschaftlichen Routinepraktiken'' und die Sicheren Häfen ''von einer sachkundigen Person und so auszuführen, dass Schmerz minimiert wird'' nicht so, wie sie geschrieben stehen, anerkannt werden können, aber keiner dieser Beschlüsse bewirkt ein Verbot irgendeiner dieser bestimmten Praktiken.
Deshalb: Obwohl Landwirte sich nicht auf die Sicheren Häfen in den Regelungen verlassen können, die sie wirksam gegen Strafverfolgung bei Rechtsbruch abschirmen würden, können sie weitermachen wie zuvor, und es liegt bei der Vollzugsbehörde in New Jersey, ob sie jene Praktiken als die Tierschutzgesetze verletzend anfechten wird. In der Zwischenzeit kann das Landwirtschaftsministerium, wenn es das auf die Reihe bringt und den minimalen Aufwand betreibt, den das Gericht verlangt, seine ''landwirtschaftlichen Routinepraktiken'' und Sicheren Häfen ''von einer sachkundigen Person und so auszuführen, dass Schmerz minimiert wird'' wiedereinsetzen, und Landwirte werden gegen jede rechtlichen Anfechtung abgeschirmt sein.

Im Jahr 1996 verlangte die Gesetzgebung in New Jersey, dass es Regelungen geben müsse, um die ''humane'' Behandlung von Tieren, die für Nahrungszwecke genutzt werden, zu gewährleisten. Die Entscheidung des Obersten Bundesgerichts New Jersey im Jahr 2008 demonstriert, wie wenig getan werden muss, um der Forderung von 1996 Genüge zu tun. In der Tat ist diese Entscheidung nichts anderes als ein dem Landwirtschaftsministerium vom Gericht gelieferter Fahrplan, der ersterem hilft, Regelungen zu ersinnen, die sicherstellen, dass die 1996er Normen so wenig wie möglich bedeuten. Jegliche Vorstellung, diese Entscheidung sei ''monumental'' oder repräsentiere einen ''rechtlichen Präzedenzfall für weitere Schritte, um die krassesten Missbräuche in Massentierhaltungsbetrieben überall in den USA zu beenden'', ist, meiner Ansicht nach, überaus nachsichtig als äußerst übertrieben charakterisiert.

Gary L. Francione
© 2008 Gary L. Francione